Die Messbarkeit bildet die Grundlage allen empirischen Wissens: Es wird beobachtet, verglichen, analysiert, gewogen, Längenmaß genommen, gerieben, gespalten, gezerrt, komprimiert, gelöst, getrocknet, bedampft, detektiert, seziert. Lebendiges wird meist an jener Schwelle gemessen, wo es seinen Opferdienst bereits für uns getan hat: Zuvor sind 55 Fragen plausibel zu beantworten, im Antrag auf Genehmigung der Durchführung von Versuchen an lebenden Wirbeltieren nach §8 (1) des Tierschutzgesetzes in der zurzeit gültigen Fassung.
Doch was, wenn die Botschafter und Konsumenten des Denkens und Wissens selbst untersucht werden sollen? Was geschieht da, wo das Medium sich an das Publikum wendet, auf dem Symposium, auf der Kanzel oder am DJ Pult? Dort wo das Lebendige nicht überschaubar, unmittelbar messbar, sondern tabu ist, bereitet es uns Kopfzerbrechen.
Zum Verständnis der Wissenschaftsgeschichte untersuchte der französische
Naturwissenschaftler und Philosoph Gaston Bachelard Veröffentlichungen
über das Phänomen des Feuers aus allen Disziplinen, einschließlich
Kunst und Poesie.
In Bezug auf die Vermittlung von Wissen kommt er zu dem Schluss:
„Man muss also die Möglichkeit finden, sich an der Stelle einzurichten,
an der der Urtrieb sich teilt. In Versuchung zwar, einer persönlichen
Anarchie zu verfallen, aber doch gezwungen zur Verführung des anderen.“
In der heutigen Zeit ist diese genannte Stelle zu finden, wo Wissenschaftler
und Künstler einerseits in Klausur gehen möchten, um sich in ihren
Experimenten und Werken zu verlieren, jedoch gleichzeitig Geldgebern und dem
Publikum Rechenschaft schuldig sind. So wird die Verführung in Gang gebracht,
werden die Köder ausgelegt, geistige Nahrung, die sich die Hungrigen
gerne gefallen lassen.
Und vielleicht ist dort, wo man auf der Jagd ist nach den Lebenden, das nötige
Instrumentarium zu finden, um dem auf die Spur zu kommen, was diese Nahrung
ausmacht: Die Militärwissenschaft bietet verschiedene Methoden zum Aufspüren
von Menschen und derer verborgenen Aktivitäten. Ein Künstler könnte
sich mit diesen Instrumenten bewaffnen und sich auf die Suche nach der Strahlenwirkung
der Medien begeben.
Gaston Bachelard, Psychoanalyse des Feuers, 1949, Edition Gallimard, Paris